Dieter Liewerscheidt: Es läuft doch alles alles

Taschenbuch
104 Seiten
ISBN 978-3-944503-14-1
2019

12,00 

Dieter Liewerscheidt

Es läuft doch alles

Gedichte

»Anything goes«, erlebt als Zustand allseitiger Beliebigkeit, Unverbindlichkeit, Austauschbarkeit. Liewerscheidts Gedichte sind Versuche einer Wiederaneignung von Sprache. Was stehengeblieben ist, steht kurz vor der Aufhebung, manchmal ist sie selbst zum Thema geworden.

In fünf Kapiteln versammelt der Band eine Auswahl von Liewerscheidts Gedichten von 1964 – 2019, ergänzt durch Fotografien aus dem Lyrikfilm »Im toten Park« (2019), der auf den Gedichten basiert.

Im toten Park

Ich weiß schon: dieser Park ist tot,
von Kindern leer, von Hunden verkackt,
die Ulmenreihe abgehackt,
der Blutbuche Blätter schwarzbraunrot

jetzt packpapierbraun und regenplatt.
Die Pfützen spiegeln ungenau
vergiftete Tauben taubenblau
und Wolken. Ihre Farbe hat

die Farbe verloren. Am ehesten weiß.
Ich weiß nicht, was mich hergelockt
und den und jenen, der hier joggt.

Über den Autor

Geboren 1944 in Hannover, aufgewachsen in Düsseldorf. Neben zahlreichen literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen erschienen die Gedichtbände Provisorische Gedichte (1979), Vormittags an der Macht (1982) und Blank wie Hohn (1994). Dieter Liewerscheidt lebt in Mönchengladbach.

»Bei einigen Gedichten ist jedoch der Sinn kaum erkennbar.«
(Rheinische Post, 27.08.2019)

Rezension von Yannick Allgeier in Abwärts!  Nr. 34 (2019):

Lost in the supermarket

Mit Dieter Liewerscheidts Gedichtband »Es läuft doch alles« ist im Berliner XS-Verlag eine Auswahl des lyrischen Gesamtwerks des Literaturwissenschaftlers erschienen

»Die Modelleisenbahn zirkuliert intensiv / auf ihrem verschlungenen Kreis / und strengt sich an, die Wirklichkeit / zu treffen.« Dieter Liewerscheidts Gedichtband »Es läuft doch alles« wartet mit Szenen aus dem Vorgarten auf. Zwischen dem Polieren des Autos und dem Stutzen der Hecke tauchen die Zerstörungsphantasien wie ungewollt und abgehackt hervor: »Rotz in den Sekt. Sag nicht bloß, den hätt‘ ich / am liebsten zerhackt. Scheiß auf den Teppich.«
Meist fügen sich die Protagonisten mit Gleichgültigkeit ins kalte Kleinbürgeridyll, um mit noch größerer Gleichgültigkeit aus ihm auszubrechen. So zeichnet etwa »Der Hausmann« den Mustervater in emanzipierter Beziehung mit einer erfolgreichen Frau, der aus Frust über das ständige Hintangestelltsein irgendwann lapidar damit droht, »dass er heimlich trinkt«.
Das Ich möchte Worte fassen, doch die entgleiten immer wieder wie glitschige Kiesel. Die Lustgärten, in denen Dichter einst das Schöne festhielten, sind ihm zum »Toten Park« geworden, in dem es sich zwischen Joggern und Hundekot wiederfindet. Einzig auf der Autobahn – »Wagenlenker-Kolonnen auf schwingender Brücke im Stoßverkehr« – findet die unterdrückte Kleinbürgerwut als Todessehnsucht ihr letztes Ventil: »In der letzten langen Sekunde / wird blitzen Verchromtes / eine Wiese aus Lametta / Wunderkerzen beim Eishockeysieg / nimmermehr gehen sie aus«.

Dabei ist die Umgebung, in der Liewerscheidt den Leser aussetzt, keine der materiellen Tristesse. Oft sieht er sich von Zigaretten, Zahnbürsten und Gummibärchen umgeben. Die alles durchdringende und undurchdringbare Melancholie stammt nicht aus Mangel, sondern aus Überfluss – der Unmöglichkeit, innerhalb einer ungeheuren Warensammlung noch etwas zu sagen, was Bedeutung hätte. Als Leitmotiv innerhalb der sinnbefreiten Welt kehrt das der Asche wieder. Sie taucht scheinbar ohne Kontext zum jeweiligen Gedicht auf, jedoch immer dann, wenn das lyrische Ich sich in kindlicher Manier verhält: Wenn es beim Großvater ist, regnet es Asche; an anderer Stelle wird sie in spielerischer Langeweile aufgepustet. Adornos Diktum, nach Auschwitz noch Gedichte zu verfassen, sei barbarisch, scheint unausgesprochene Voraussetzung der Lyrik des 1944 geborenen Literaturwissenschaftlers. Was noch sagen, das nicht die Überblendung des Grauens erneuerte? So schimmert der Hintergrund der Katastrophe umso dunkler durch die Texte des Nachgeborenen, wo sie ein schiefes Idyll zeichnen. Im Versuch, die Unmöglichkeit der Wortfindung in Worte zu fassen, gaukelt Liewerscheidts Lyrik dem Leser keine Illusion eines möglichen Erfolgs dieses paradoxen Unterfangens vor, sondern verweist auf ihren eigenen Widerspruch, indem sie ihn als Leerstelle fortwährend umkreist. So gleicht sie jenem Spielzeug, der Eisenbahn, die gezwungen ist, in neurotischer Wiederholung einen Punkt anzustreben, der außerhalb ihrer vorgegebenen Bahn liegt.